Psychoanalyse – eine vergessene Sozialwissenschaft?

Viele gesellschaftliche Phänomene, die die Sozialwissenschaften versuchen zu erforschen und zu erklären, sind nicht immer nur über aggregierte Zahlen zu beziffern. Qualitative Sozialforschung nimmt daher zu Recht einen hohen Stellenwert in der sozialwissenschaftlichen Forschung aber auch der Lehre an unserer Fakultät ein. Doch ein Forschungszusammenhang, der besonders Latenzen und den hinter expliziten Aussagen stehenden impliziten Sinn zu erforschen versucht, scheint in den aktuellen Sozialwissenschaften nur noch ein randständiges Dasein zu fristen, wenn er überhaupt noch Beachtung findet. Die Rede ist von der Psychoanalyse bzw. der psychoanalytischen Sozialpsychologie. Diese auf Siegmund Freud zurückgehende Forschungstradition erfuhr in den deutschen Sozialwissenschaften vor allem durch die Vertreter der Kritischen Theorie einen Aufschwung, die Elemente der freudschen Psychoanalyse für ihre kritischen Überlegungen und Untersuchungen zur Gesellschaft fruchtbar machten. Aber auch ein Zweig hermeneutischer Methodologie, vor allem durch Alfred Lorenzer geprägt, entwickelte sich auf dem Fundament der Psychoanalyse. Wir wollen nun den Versuch unternehmen aktuelle Themen der sozialwissenschaftlichen Forschung durch psychoanalytisch arbeitende WissenschaftlerInnen aufbereitet vorstellen zu lassen, um ein Schlaglicht auf diesen Ansatz zu werfen.

Folgende Veranstaltungen finden im Rahmen der Reihe statt:

  • Zum Verhältnis von Psychoanalyse und Sozialwissenschaften (Lilli Gast)

    25. Oktober 2017, 18:00 at ZHG 101

    Vortrag und Diskussion mit Lilli Gast Das Vermittlungsverhältnis zwischen Subjekt und Kultur zu bestimmen, ist die große Herausforderung der Humanwissenschaften. Im Innersten des Subjekts stoße man unvermeidlich auf Gesellschaftliches — das ist die Quintessenz von Adornos Freud-Lektüre, und es ist wohl die Kritische Theorie, die Freuds Flaschenpost entkorkte und aufwies, wie diese Wissenschaft vom Unbewussten,...

  • Psychoanalytische Sozialpsychologie: Geschichte und Perspektiven (Marc Schwietring)

    6. November 2017, 18:00 at ZHG 104

    Mit Marc Schwietring Die psychoanalytische Sozialpsychologie und ihr Versuch, die Psychoanalyse für eine kritische Sozialwissenschaft nutzbar zu machen, haben eine lange und äußerst lebendige Tradition, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Aktuell, in der Suche nach Erklärungen für den “Rechtsruck” in Deutschland und Europa und dafür, warum Menschen angeblich “gegen ihre eigenen Interessen handeln”,...

  • „Im Kino gewesen. Geweint.“ – Sozialpsychologie der Filmmusik (Clemens Boehncke)

    23. November 2017, 19:00 at ZHG 104

    Mit Clemens Boehncke Nach Adorno gibt es so gut wie keine MusiksoziologInnen mehr, die deutlich mehr als „achselzuckende Registrateure menschlichen Verhaltens“ (Alfred Lorenzer) sind. Dabei ist Adornos Kritik an Unternehmungen wie dem Radio Research Project, Musikkonsum lediglich atomistisch zu untersuchen und Geschmack nicht als gesellschaftlich verzerrt zu begreifen, zwar verbraucht, aber nicht vergebens. Im Medium...

  • »Der Teufel hat sich schick gemacht« – Überlegungen zum Täterinnenbild in der Berichterstattung zum NSU-Prozess (Isabell Hannemann)

    29. Januar, 18:00 at ZHG 105

    Mit Isabell Hannemann »Zschäpe, das von Rassenhass zerfressene Monster?«, die »Diddl-Maus« der NSU, die »Nazi-Braut«, »die braune Witwe«, das »Oma-Kind«. Der Vortrag konfrontiert die medial produzierten Zerrbilder weiblicher Täterinnenschaft mit Schlüsselthesen zur (weiblichen) Entwicklung sowie wahrnehmungs-, symbol- und geschlechtertheoretischen Überlegungen. Isabelle Hannemann ist Lehrbeauftragte an der Uni Hannover und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie.

  • Tiefenhermeneutische Analysen rechtspopulistischer Propaganda – Nachholtermin (Dr. Jan Lohl)

    7. Februar, 18:00 at ZHG 002

    Mit Dr. Jan Lohl »mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung« Tiefenhermeneutische Analysen rechtspopulistischer Propaganda Rassistische, antisemitische und völkische Ressentiments sind in der deutschen Mehrheitsgesellschaft verbreitet. Diese Ressentiments waren Gegenstand eines Forschungsprojektes, das die Wirkung rechtspopulistischer Propaganda in Deutschland (PEGIDA, AfD) psychoanalytisch und soziologisch untersucht hat: Was macht die affektive Attraktivität rechtsextremer Propaganda aus?...