Pressemitteilung: Unhaltbare Zustände an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät

Studierende wenden sich aus Verzweiflung an das Präsidium

Seit zwei Wochen schicken viele Studierende der sozialwissenschaftlichen Fakultät Mails an das Präsidium der Universität, in denen sie sich über die schlechten Lehr- und Lernbedingungen in ihren Studiengängen beschweren. Anlass dieser von Studierenden selbst organisierten Aktion ist das Wegfallen von Tutorien in der studiengangsübergreifenden Veranstaltung „Einführung in die empirische Sozialforschung“, die einen Eckpfeiler des Studiums in fast allen sozialwissenschaftlichen Fächern bildet.

Fabienne Schaffrath, Sprecherin des Fachschaftsrates erklärt dazu: „Der Wegfall von Tutorien in dieser Einführungsveranstaltung ist besonders bitter, werden hier doch Grundlagen für das weitere Studium gelegt. Es mangelt aber nicht nur an Tutorien: Auch Exkursionen, das Druckguthaben oder zusätzliche Lehrveranstaltungen können nicht mehr finanziert werden, seit der Fakultät keine Studienqualitätsmittel mehr zur freien Verfügung stehen. Selbst in der grundständigen Lehre macht sich die Misere bereits deutlich bemerkbar. Viele Veranstaltungen sind hoffnungslos überfüllt, die Zahl der angebotenen Seminare sinkt stetig, obwohl immer mehr Studienanfänger_innen sich für ein sozialwissenschaftliches Fach entscheiden. Das schlägt auch auf den akademischen Mittelbau durch, der sich in Seminaren kaum mit Rückfragen beschäftigen kann und mit zu vielen Hausarbeiten konfrontiert ist, was wiederum die Korrekturzeiten verlängert und letztlich bei einigen Studierenden in Studienzeitverlängerungen mündet. Einige Dozierende müssen ihre Seminare, die früher als Lehraufträge wenigstens noch schlecht vergütet wurden, gar unbezahlt machen. Die sozialwissenschaftliche Fakultät ist schon seit einiger Zeit dazu gezwungen, einen Sparkurs zu fahren. Die sich anhäufenden Mängel können aber nur begrenzt durch den aktuellen Flickenteppich kurzfristiger Gegenmaßnahmen ausgeglichen werden. Dass es sich hier um grundsätzliche Ressourcenfragen dreht, die auf zentraler oder Landesebene angegangen werden müssen, ist nunmehr nicht nur den Studierenden bewusst.

Die Sozialwissenschaftliche Fakultät gehört mit ihren knapp 3.500 Studierenden zu den größten Fakultäten der Universität Göttingen, bekommt aber am drittwenigsten Mittel zugewiesen. Weniger bekommen nur die Kleinstfakultäten Mathematik/Informatik und Theologie. Und anders als beispielsweise in den Wirtschaftswissenschaften wird ein Großteil der Lehre in Seminaren und nicht in Vorlesungen und Großübungen erbracht, der Betreuungsbedarf ist daher verhältnismäßig hoch.

Fabienne Schaffrath: „Die Gesellschaftswissenschaften werden nicht nur an der Universität intern benachteiligt, auch werden deutlich mehr Forschungsgelder zum Beispiel durch DFG und andere Förderer an naturwissenschaftliche Fächer vergeben. Das hat sich auch schon bei der Exzellenzinitiative gezeigt, bei der im Jahr 2018 lediglich acht gesellschaftswissenschaftliche Cluster (von insgesamt 57) gefördert wurden. Auch perspektivisch sieht es schlecht aus: Laut der aktuellen Finanzplanung der Universität fällt die geplante Erhöhung der Mittel für die sozialwissenschaftliche Fakultät im Vergleich am geringsten aus. Auch die Gelder des Bundes, die als Ersatz für den Hochschulpakt gezahlt werden sollen, werden deutlich geringer ausfallen und nur noch ca. zwei Drittel der bisherigen Summe betragen. Laut Planungen der Universitätsverwaltung sollen davon auch noch circa 20 bis 30 % auf zentraler Ebene einbehalten werden, wodurch für Fakultäten unterm Strich weniger als die Hälfte der bisherigen Mittel ankommen. Bei solchen Voraussetzungen sind Gesprächsangebote von Seiten des Präsidiums zwar nett gemeint, erscheinen aber nur als leere Worthülse Es braucht aber mehr als bloße Lippenbekenntnisse.

Schaffrath abschließend: „Während die Universität immer mehr Geld in Prestigeprojekte wie die Alte Mensa oder das Forum Wissen versenkt und auf einem Großteil der Kosten für die Bewerbung in der Exzellenzinitiative sitzen bleibt, scheitert sie grundsätzlich daran, den Studierenden der Sozialwissenschaftlichen Fakultät angemessene Studienbedingungen zur Verfügung zu stellen. Noch mehr in der Pflicht ist allerdings das Land Niedersachsen, das statt in Bildung zu investieren, die Ausgaben für die Universitäten relativ sogar noch senkt. So werden ein freies und kritisches Studium beschränkt und die Arbeitsbedingungen für den akademischen Mittelbau immer weiter verschlechtert. Wir fordern Fakultäts- und Universitätsleitung sowie die Landesregierung auf, hier endlich zu handeln. Gerade in Zeiten einer erstarkenden Rechten und sich vertiefender gesellschaftlicher Gräben scheint es geradezu tragisch, die Gesellschaftswissenschaften derart zusammenzusparen.

FSR SoWi, 7. Februar 2020

 

Wortlaut der E-Mail, die von zahlreichen Studierenden an das Präsidium verschickt wurde:

Sehr geehrtes Präsidium,

WIR Studierende der Sozialwissenschaftlichen Fakultät empfinden die aktuelle Lehr- und Lernsituation als untragbar.

Vor allem in den Modulen der Methodenausbildung an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät finden wir überfüllte Lehrräume vor, Vorlesungen in brechend vollen Hörsälen. Weder können so Lernerfolge generiert noch die erforderlichen Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden.

Studierende müssen auf den Treppen sitzen. Tutorien finden zu Vorlesungsbedingungen statt. Dabei sollten Tutorien in Kleingruppen stattfinden, um die Gelegenheit zu bieten, tiefer in die Materie einzusteigen. Dazu müssen die Tutor*innen aber auf Einzelfragen eingehen können, was in überfüllten Hörsälen allerdings aufgrund von Platz- wie Kapazitätsgründen nicht machbar ist. Außerdem kann es nicht sein, dass einige der Tutorien nur Dank der Bemühungen der Dozierenden überhaupt stattfinden können.

An einer Universität sollte die Bildung und das Lernen an erster Stelle stehen. Jede*r Studierende hat sich individuell für die Universität Göttingen und ihre renommierte Sozialwissenschaftliche Fakultät entschieden. Wir sind davon ausgegangen, dass wir die bestmögliche Bildung und Unterstützung beim Lernen erhalten würden. Aber die Realität sieht anders aus.

Wenn sich eine Universität vor allem auf ihre Außenwahrnehmung konzentriert und dabei die Lehre vernachlässigt, kann daraus keine Exzellenz-Universität hervorgehen. Als eine der Fakultäten mit den meisten Studierenden sollten wir auch entsprechend gefördert werden. Unter den aktuellen Bedingungen leidet unsere Bildung und unsere Zukunft.

Kurzfristig fordern wir daher die Gewährleistung von Tutorien. Tutorien in kleinerer Größe, mit maximal 30 Teilnehmenden. Langfristig fordern wir die vernünftige Finanzierung der Sozialwissenschaftlichen Fakultät.

Wir fordern eine bessere Finanzierung unserer Bildung!

 

Anhänge:

Fotos aus einem Tutorium zur Einführung in die qualitative Sozialforschung. Hier soll den StudienanfängerInnen in kleinen Lehr- und Lerngruppen die Vorbereitung auf die Klausur ermöglicht werden. Um eine angemessene Betreuungsrelation zu ermöglichen wurden in der Vergangenheit Gruppengrößen von nicht mehr als 50 Studierenden angeboten. Im Bild der Hörsaal 006 (Zentrales Hörsaalgebäude) mit 170 Sitzplätzen. Zur freien Verwendung (Autorin: Jennifer Braune).