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Euromaidan: Zum Verhältnis von Kritischer Theorie und aktueller Politik (Gerhard Scheit)

14. Juli 2014, 19:00 - 21:00

Mit Gerhard Scheit.

Wo immer „die Reserven zur Herstellung des allgemeinen Chaos“ vorhanden sind, schlägt die Stunde deutscher Politik, das erkannte Karl Kraus bereits 1908 an dem „weitblickenden“ Eifer, „den Balkan durcheinanderzubringen“. So bedeutet heute die Integration in den Euro-Raum nicht zuletzt Desintegration: es gibt die Menschenrechte unter der Hegemonie der EU um den Preis, dass die Souveränität diffundiert, die sie im Notfall allein garantieren kann. Schon das Assoziierungsabkommen mit der Ukraine wurde direkt und indirekt an Bedingungen geknüpft, die dieser speziellen Hegemonie Rechnung tragen, während der Notfall einstweilen die Gestalt jener rechtsextremen Rackets der Partei Svoboda und des Rechten Sektors angenommen hat.

Auf der anderen Seite steht eine Macht, die von grußrussischem Nationalismus getrieben ihre Geheimdienst-Rackets auf eine Gegen-EU, eine eurasische Union, ausrichtet. Angesichts eines solchen Feindes und dank der voranschreitenden EU-Hegemonie, die nationbuilding hintertreibt und dadurch erst recht Nationalismus schürt, vermag sich unter dem neuen ukrainischen Regime gewiss noch leichter als etwa in Ungarn ein Konglomerat nationalistischer Banden zu etablieren und entfalten, dem schließlich aus Brüssel nicht einmal mehr mit Wirtschaftssanktionen gedroht werden könnte, weil das doch nur Putins Herrschaft nützte. Im Stich gelassen fänden sich dann eben jene Kräfte, die in Janukowytsch mit vollem Recht den immer autoritärer werdenden, ukrainischen Putin sahen, und seinen Sturz initiierten, für die sich also zugleich Europa als das Maximum an Freiheit darstellt.

Symptomatisch dafür, wie man den ganzen Konflikt im Westen diskutiert, ist aber wieder einmal, dass die Bedrohung der jüdischen Bevölkerung – durch ukrainische oder russische Nationalisten – zwar gerne als Argument für die eigene Sache (Merkels/Steinmeiers EU oder Putins Russland) aufgriffen wird, niemand jedoch irgend Bedeutung der Wahrheit beimisst, wer ihr denn nun wirklich im Notfall praktisch zur Seite springt. Man braucht die Juden immer nur als Opfer, darum ist die Hilfe, die Israel hier vor Ort konkret leistet, eigentlich nicht erwünscht – darum ist die ganze Existenz des jüdischen Staats eigentlich nicht erwünscht. Was der Konflikt für Israel und die Bedrohung durch den Iran beinhaltet, wird gezielt ausgeblendet.

Gerhard Scheit lebt als freier Autor in Wien. Arbeiten zur Kritischen Theorie, über den Souverän und die Ästhetik in der Moderne. Bücher: Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus (1999, 2003); Meister der Krise (2001); Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt (2004); Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth (2006); Der Wahn vom Weltsouverän (2009); Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno (2011). Er ist Mitherausgeber der Jean Améry Werkausgabe (2002-2008) und der Zeitschrift sans phrase (ab 2012), in deren neuestem Heft (Nr. 4) ein Artikel von ihm zum Thema des Vortrags erscheint. Der Vortrag ist Teil einer Veranstaltungsreihe des Fachschaftsrat Sozialwissenschaften Göttingen, die Ansätze einer kritischen Theorie zu Beginn des neuen Jahrtausends vorstellen und gleichsam auf die gesellschaftliche Ohnmacht des kritischen Intellektuellen in Zeiten postmoderner Gegenaufklärung reflektieren möchte.

 

Die Veranstaltung ist Teil der Reihe Widerständige Sozialwissenschaften? Zum Verhältnis von Kritischer Theorie und Universität.

Details

Datum:
14. Juli 2014
Zeit:
19:00 - 21:00
Veranstaltungskategorie:

Veranstalter

FSR SoWi

Veranstaltungsort

ZHG 005
Platz der Göttinger Sieben 5
Göttingen, 37073 Deutschland
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Webseite:
http://www.geodata.uni-goettingen.de/lageplan/?ident=5257_1_EG_0.155