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Jens Benicke: Von Adorno zu Mao. Über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung

26. November 2018, 19:00 - 21:00

Nachdem 1956 sowjetische Panzer den Aufstand gegen das staatskapitalistische Regime in Ungarn niedergeschlagen haben, entsteht aus dem Protest dagegen im Westen eine „Neue Linke“, die sich explizit gegen die „Alte Linke“, vertreten durch Stalinismus und Sozialdemokratie, wendet. Diese sich zuerst in den USA, in Frankreich und in Großbritannien entwickelnde Strömung entdeckt dabei auch die dissidenten Traditionen der ArbeiterInnenbewegung, vom Rätekommunismus bis zum westlichen Marxismus, wieder. Sie knüpft dabei an den utopischen Gehalt dieser weitgehend vergessenen und verdrängten Fraktionen an, nachdem die Realität des „Realsozialismus“ für sie keinerlei positiven Bezugspunkt mehr bieten kann.

Die Besonderheit der „Neuen Linken“ in der Bundesrepublik ist dabei ihr starker Bezug auf die Kritische Theorie. Durch die antiautoritäre StudentInnenbewegung der Sechziger Jahre kommt diese in Deutschland zum ersten Mal praktisch zur Geltung. An Adorno, Horkheimer und Marcuse orientierte studentische Theoretiker wie Hans-Jürgen Krahl, Frank Bökelmann u. a. schaffen es Mitte der Sechziger Jahre kurzzeitig im heterogen „Sozialistischen Deutschen Studentenbund“ (SDS) die Oberhand zu gewinnen und die dort ebenfalls stark vertretene traditionslinke Strömung zurück­zu­drängen.

Doch dieser Zustand ist nur von kurzer Dauer, denn schon auf dem Höhepunkt der studentischen Proteste entstehen aus der antiautoritären Bewegung heraus neoleninistische Strömungen, die die Kritische Theorie als vermeintlich „kleinbürgerlich“ zurückweisen. Diese Entwicklung fällt zeitlich zusammen mit einer­seits erkennbaren Niederlagen der Bewegung, so verabschiedet etwa der Bundestag die Notstandsgesetze und andererseits einer deutlichen personellen Ausweitung der Proteste. Die bis dato überschaubaren antiautoritären Gruppen stoßen erkennbar an ihren Grenzen. Die folgende „schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung“ und die Konstitution der mao-stalinistischen K-Gruppen bedeutet die endgültige Abkehr eines großen Teils der Protestbewegung von den antiautoritären Vorbildern und den von ihnen selbst bis vor kurzen vertretenen Positionen. Aus der antiautoritären Bewegung entwickeln sich autoritäre Kaderorganisationen, die sämtliche emanzipatorischen Errungenschaften der Revolte in ihr Gegenteil verkehren. Auch den anderen „Zerfallsprodukten“ der Protestbewegung, ob Spontis, Neue Frauenbewegung, bewaffnete Gruppen oder die an der DDR orientierte DKP, geling es kaum die Utopie einer anderen und besseren Gesellschaft mit solch einer Vehemenz in die gesellschaftliche Diskussion zu tragen, wie dies der antiautoritären StudentInnenbewegung für eine kurze Zeit gelang.

Es spricht Jens Benicke aus Freiburg, der 2010 im ca ira-Verlag „Von Adorno zu Mao. Über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung“ veröffentlicht hat. Und von dem im Herbst 2018 im Springer VS Verlag „Die K-Gruppen. Entstehung – Entwicklung – Niedergang“ erscheint.

Details

Datum:
26. November 2018
Zeit:
19:00 - 21:00
Veranstaltungskategorie:
Veranstaltung-Tags:

Veranstaltungsort

ZHG 004
Platz der Göttinger Sieben 5
Göttingen, 37073 Deutschland
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Website:
http://www.geodata.uni-goettingen.de/lageplan/?ident=5257_1_EG_0.156